Lokführerstreik: Sightseeing an den Streiktagen

Seltsam: Die Tage des Lokführerstreiks beginnen für mich entspannter als sonst, und fast kann ich sagen, dass eine gewisse Gelöstheit die ganzen jeweiligen Arbeitstage anhält.
Was dieses Plus an Glücksgefühlen auslöst? Nun, ich habe mir für die Tage des Bahnstreiks eine Strecke ins Büro ausgetüftelt, die ich mithilfe zweier Buslinien bestreite. Diese morgendlichen Busreisen dauern zwar weitaus länger als die S-Bahnfahrt, sie sind aber einfach schöner.
Besonders eine Teilstrecke hat es mir angetan. Sie beginnt hoch oben im Taunus, in Königstein, wo ich zwar relativ lange warten muss, aber es gibt eine Tankstelle, die guten Kaffee und frische Zeitungen feilbietet. Dann endlich kommt der Bus und man gleitet, während winterlich klar der Morgen graut, eine prächtige Straße, die Königsteiner Straße, hinunter nach Bad Soden.
Dieser Abschnitt ist das Highlight. Ich setze mich im Bus ganz nach vorne, gleich schräg hinter den Fahrer, auf dem Kopfhörer die beste Musik, und genieße die Aussicht durch die große Frontscheibe.
Während wir an Prunkvillen und bisserl mit Schnee gepuderzuckerten Bäumen vorbeischaukeln, schmeichelt ein riesen Panorama dem noch müden Auge:
Frankfurt mit einem Sonnenaufgang hintendran liegt da herum und weite Felder und rauchende Schornsteine, alles in einer Klarheit die mir einfach gefällt und ich habe sogar einmal im Stern oder so ähnlich von einer Untersuchung gelesen, die besagt, dass der Mensch dies braucht: Einen Blick, der in die Ferne schweifen kann, sanfte Hügel und grün muss auch dabei sein, dann stellt sich Ausgeglichenheit ein. Ich merke das bei mir wirklich, wenn Du immer nur gegen Wände schaust, gehst Du doch ein, oder!

Von mir aus kann der Streik also gerne weitergehen, denn das S-Bahnfahren bietet dieses Erlebnis nicht. In der S-Bahn sind auch irgendwie die schlimmeren Leute unterwegs.

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11 Antworten auf Lokführerstreik: Sightseeing an den Streiktagen

  1. Kofi Annan sagt:

    Ein sehr schöner Bericht lieber Frater! Die Vorstellung sich mit guter Musik im warmen Gefährt und schöner Aussicht in den Tag kutschieren zu lassen, gefällt mir.
    Um die Möglichkeit öffentliche Verkehrsmittel zur Arbeit zu benutzen, beneide ich dich. Ich muß immer meine stinkende Benzinkutsche anwerfen. Dafür kann ich, wenn ich wach bin, laut die Musik mitgrölen!

    Gruß
    Kofi

  2. Apollo Surfer sagt:

    Ich weiss, was du meinst und kann dich gut verstehen. Solche Momente muss man einfach geniessen und innerlich „dehnen“.

    Der Ausblick von dort oben ist schon einmalig, kein Wunder, dass die Grundstücke dort so teuer sind.

  3. wildrose sagt:

    ja. diese Beschreibung eines Frühmorgenurlaubs hat mir gut gefallen.

  4. Venden sagt:

    Lieber Frater,

    in dem Fall wird die S-Bahn dich auch nach den Streik nicht mehr so oft sehen… oder wirst du etwa Geschwindigkeit gegen Gelassenheit eintauschen?

    Gruß Venden

  5. Mainbube sagt:

    Das werden die streikenden Lokführer nicht gerne lesen, Menschen die dem Streik auch noch was gutes abgewinnen können.

    Klingt nach einer halben Weltreise für Dich, wie lange brauchst Du für die Strecke?

  6. frater aloisius sagt:

    yeah kofi, das kann ich mir lebhaft vorstellen, wie du gröhlend auf die ARbeit düst!

  7. frater aloisius sagt:

    hi apollo, ob man den moment noch dehnen kann: Ich weiss nicht recht. An sich dauert die Busfahrt ja schon ewig. (Aber wenn es der Hinweg zur Arbeit ist, kann es garnicht lang genug dauern, hehe)

  8. frater aloisius sagt:

    das, Venden, hast du aber schön gesagt! Logo wählen wir die Gelassenheit, oder?!

  9. frater aloisius sagt:

    hihi, wildrose, das dachte ich mir, dass Du diesen Text magst. Musst die Strecke auch mal fahren – Als Ausflug. Oder schon geschehen?

  10. frater aloisius sagt:

    jau, mainbube, das dauert schon einen Moment. Andererseits: Wenn S-Bahnen (auch an nicht-Streiktagen!) ausfallen, oder 20 min verspätet sind, kommt man auf die gleiche Dauer… seufz.

  11. Apollo Surfer sagt:

    Das mit dem „Dehnen“ war eigentlich als rekursive Metapher auf deinen Text und eher in einem emotionalen als in einem linear-zeitlichen Bedeutungszusammenhang gemeint. Es ging also eher um die Macht der Imagination, als um das Diktat der Uhr.

    Hört sich geschwollen an? Das soll es auch! Hat aber trotzdem nichts mit Esoterik zu tun, hehe.

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