Meine schönsten Geschichten von anno dazumal

1. die Bekehrung des kleinen Aloisius durch RocknRoll –

Mama dachte bei zweierlei Gelegenheiten, dass mit mir etwas nicht stimme. Einmal angesichts meiner frühkindlichen Horrorgemälde voller Skelette und Vampire, und zweitens, als sie gewahr wurde, dass ich als Kleinkind scheinbar keinerlei Musikalität zeigte und stures Desinteresse an ihren abendlichen Schlafliedern an den Tag legte.
Ich mochte nicht ein Tönchen mitsummen.

Was mit Klein-Aloisius los war, stellte sich per Zufall heraus. Als Mutter eines schönes Tages, statt der geistlichen Barockmusikplatten, die sie und Vatter nahezu tagein, tagaus abspielten, mal aus einer Laune heraus Dixie Party  30x Old Time Jazz auflegte, führte ich ein groovy Tänzchen auf. Ich war also weder Autist, noch taub, noch unmusikalisch! Einzig auf diese abstrakte Weise war es mir damals zu zeigen möglich, dass meine bevorzugte Musik woanders wurzelte, als in der Frömmigkeit irgendwelcher Genies der Barockzeit.
Rhythmus! Lautstärke!!! Elektrizität!!! Ausschweifungen!!!!!!!!!!!!
Mit Dixieland war da natürlich erst die halbe Strecke zurückgelegt. Hin zum Rock?n?Roll!!!
Dieser trat mit einer erschütternden Macht in mein junges Leben: Wiederum durch einen Zufall, denn durch ein Versehen befand sich im elterlichen Barockplattenschrank ?Still alive and well?, des albinoweißen Gitarristen Johnny Winter. 1973 wollte der Gummifinger der Welt anhand dieses Albums zeigen, dass er seine Drogensucht überwunden hatte und was eine Harke ist. Neugierig und voller Staunen betrachtete ich die Fotos auf der Hülle. Seltsamer Kerl! Ich legte die Scheibe auf den Blechteller des „Schneewitchensargs“. Und was für eine HARKE, duliebergott! Es ertönte nicht weniger als das Allerbeste, was ich bis dahin jemals gehört hatte.

Die Menschen lächeln, wenn ich jemandem still alive and well vorspiele, aber, Nostalgie hin oder her, noch heute ist diese LP für mich der hammerhärteste, roheste Blues/Rock-Kracher unter unserer unbarmherzigen Sonne. Ein ungeschliffener Rockdiamant.
Nicht dass diese Platte durchgehend fies und schnell und böse wäre, nein, nein, es hat hier auch wohldosierte ruhige Momente, nämlich die eine oder andere herzerweichende
(Country-) Ballade, hach!!

.
Was diese LP mit mir anzustellen vermochte und noch heute vermag, ist eigentlich ein Fall für sämtliche Dopingkontrollöre der Welt! Warum ist das hier alles so verschwommen? Was rinnt mir so salzig und heiss über die fahlen Wangen? Ach ja, das sind ja meine Tränen, hervorgekitzelt durch diese musikalische Offenbarung.Manches von früher ist einem ja peinlich, etwa, dass man mal BAP oder Supertramp mochte, aber anderes begleitet einen eben für immer.

In der ersten Klasse gab es einen Malwettbewerb. Wir durften ein Cover entwerfen und zur Inspiration unsere Lieblingsplatte mitbringen. Die Lehrerin hatte einen Plattenspieler aufgestellt. Manche schleppten ABBA an, andere die Beatles, die blöderen Kinder Kinderlieder oder so Operettenzeugs (*). Ich hatte Johnny Winter im Gepäck und tags darauf musste ein neues Schulgebäude errichtet werden, denn alles war nur noch Schutt und Asche nach den ersten Rückkopplungen des Titelstücks.
Meine Kameraden bestaunten übrigens das Plattencover genau wie zuvor ich und fragten sich: Was ist das für ein verdammt schräger Vogel? Dieser abgefuckte Weissfisch, von Kopf bis Fuß mit Goldschmuck behängt??? Rocker jedenfalls sahen anders aus, das zumindest wusste man doch eigentlich schon damals. So, oder vielleicht so.
Ein Schlüsselerlebnis wie das von mir hier mit zitternder Feder aufs Papier gekratzte, haben viele Typen meines Alters früher mit KISS erlebt. Auch ich stieß irgendwann auf diese geheimnisvolle Mutanten-Truppe, und wurde ihr Fan, ohne einen einzigen Takt von deren Musik gehört zu haben. Ich himmelte eben Monster an, sammelte die Bilder. Die Neugierde auf die Musik dieser dämonischen Gruselband wurde bald gestillt, als mein Grundschul-Banknachbar mir eröffnete, sein großer Bruder habe ein paar KISS-Platten daheim. Schnell war ein Termin für eine Audienz gefunden, der vielleicht 13jährige empfing uns zwei Steppkes und wir trugen unser Anliegen vor, KISS hören zu wollen. Ich wünschte mir I was made for lovin you weil dies in Bravo oder Pop-Rocky als der Überhit schlechthin beschrieben wurde. So sei es, andächtig begannen wir zu lauschen. Aber, owei, das klang ja vielleicht brav und gänzlich unmönströs, die kitschige Grütze im Disco-Rhythmus welche so seicht aus den Boxen triefte! Kaum mochte ich glauben, dass Dämonen mit bluttriefenden Mundwinkeln und Monsterstiefeln derart beknackte Schlager zum besten geben! KISS war ab sofort gestorben.

Soweit also meine ersten zwei Lektionen in der RocknRoll Highschool:
1.Goldschmuck und Engelshaar heißt nicht Scheissmusik
2. Auch Monster und Mutanten können Weicheier sein

Schluss für heute. Nächste Folge: Wie THE DAMNED mich ängstigten!
(*) diesen Satz kommentierte Bibi mit dem Wort Arschloch! (kicher!)

(Die heute auf dem Plattenteller-Rubrik fällt aus)

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10 Antworten auf Meine schönsten Geschichten von anno dazumal

  1. Melanie Kurz sagt:

    nette Story, echt süß! Das verrückteste ist, dass Du die Platten Deiner Kinderzeit noch hast! Knistern mächtig, was??? Oder auf CD nachgekauft, du Spinner? 😉
    lg melanie

  2. Mainbube sagt:

    Hey Frater, was ist mit den kleenen Punkern aus Berlin? Wie und welchen Einfluss hatte diese Epoche auf Deine musikalische Entwicklung?

  3. Aloisius sagt:

    Hi Mainbube, Du meinst das Lied, das HEINRICH WAR ALS KIND SCHON EINSAM im Repertoire hatten, gell!
    Also, einen Eintrag über die gibt es ja schon. Eine entwicklungspsychologische Betrachtung nebst historischer Einordnung/Einschätzung folgt später. Und bei Dir??? Die Ärzte, hä???
    viele gruesse
    aloisius

  4. Melanie Kurz sagt:

    wasn nochma n Schneewitchensarg?
    😉
    lg

  5. aloisius sagt:

    @Melanie Kurz:
    Hi Mel, klar existiern die Schätze noch! Weisst schon, der BRAUN-Schneewitchensarg, Design D. Rams, den hab ich übrigens nicht mehr.
    gruss aloisius

  6. rolf sagt:

    schneewitchensarg: werksinterne bezeichnung – phonosuper sk4

    chicane – saltwater

  7. aloisius sagt:

    Mom hat diesen Eintrag inzwischen auch gelesen und natürlich erinnert sie sich, wie Jonny Winter damals in ihre Barock- und Klassik-Sammlung kam.

    Der FRANKFURTER RUNDSCHAU ist es zu verdanken. Mom and Pops hatten diese ja Jahrzehnte im Abo und wenn im Feuilleton, sagt Mom, eine Platte vielversprechend besprochen wurde, kaufte sie sie dann und wann und dachte, „man kann ja sich nicht immer auf Klassik beschränken“.

    Wahrscheinlich stand da was von „erdigem Blues-Handwerk“ oder so und Mutter stellte sich eher Baumwollfelder und Folk und Gospel als solch wüsten Rock vor. So kam ich also zu meiner Lieblingsplatte auf Lebenszeit.

    Ich wünschte, ich könnte im Archiv der FR stöbern, ob ich da von ’73, ’74 die Rezension zu „still alive and well“ finden täte…

  8. aloisius sagt:

    schade!!! ich hatte hier voll die empörte Kommentarflut von KISS-Fans erwartet, harharharghhhh

  9. Hubert sagt:

    Na klasse Mann, da hast du dir aber auch den schwulsten KISS SONG angehört, der je von den Pennern gemacht wurde….

    lg
    Mik

  10. frater aloisius sagt:

    Hi Mik, ich schätze, da triffst Du den Nagel auf den Kopf!!! 🙂

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