DVD Tipp: VIER LEBEN (Dokumentarfilm, D 2008, Regie: Cornelia Thau)

Nachdem er ein Jahr lang in ausgewählten Kinos in etlichen deutschen Städten begeistert aufgenommen wurde und für ein positives Presseecho sorgte, erscheint Cornelia Thaus Dokumentarfilm VIER LEBEN Ende März auf DVD.

Die Regisseurin (Filmografie) hat vier Menschen unterschiedlichen Alters, alle mit Down Syndrom, und ihre Familien mehrere Jahre lang begleitet. Daraus entstand der bemerkenswerte Dokumentarfilm VIER LEBEN (mit seinem mehrdeutigen Titel – Analyse hier).

Der Film VIER LEBEN nähert sich seinen Protagonisten Jörg (geb. 1969), Carina (geb. 1985), Anica (geb. 1994) und Finnian (geb. 2002) und deren Familien in einer Weise, die im deutschen Dokumentarfilmwesen ihresgleichen sucht, nämlich behutsam und völlig ohne zu dramatisieren.
Statt dröge belehrender oder reißerischer Off-Kommentare setzt der Film auf Interviews (zumeist mit den Eltern) und Alltagsbeobachtungen.

Die Interviews sind von einer solchen Ehrlichkeit, dass …

…der Zuschauer sich in manchen Momenten geradezu im Sessel festkrallt. Die Geschichten der Angehörigen zeigen zwar die unterschiedlichen, aber typischen Sorgen, Ängste und Nöte, mit denen Familien mit einem behinderten Kind sich früher wie heute konfrontiert sehen und ihre Kämpfe und ihr Engagement für Akzeptanz und Gleichberechtigung, was aber ganz ohne Problematisieren passiert.

Gegenübergestellt werden diesen offenen O-Töne verschiedene Alltagsszenen der Familien, die manchmal derart witzig sind, dass (beispielsweise kürzlich im Mal Sehn Kino in FFM, unter Anwesenheit der Regisseurin und des Produzenten Michael Busch und zweier Film-Mütter) der ganze Kinosaal in lautes Gelächter ausbricht. Der virtuose Filmschnitt (Cutterin: Renate Merck) trägt dazu bei, dass VIER LEBEN von Anfang bis Ende fesselt und einem nach 68 Minuten sogar fast zu kurz erscheint.

Hier eine meiner Lieblingsszenen: Eben noch haben Anicas Eltern berichtet, wie schwer die Tage nach der Geburt der Tochter waren und wie sie ihr Kind und sein Down Syndrom dann aber letztlich akzeptierten. Schnitt: Anica rast, Jahre später, auf einer Spielplatz-Seilbahn durchs Bild und kreischt:
„Yippiiieee!!!“

Oder: Carinas Mutter berichtet, wie Ärzte ihr sagten: Ihr Kind wird nie sitzen oder sonstwas können. Geben Sie es gleich weg.
Nächste Szene:
Die erwachsene Carina tippt konzentriert am Computer.

Szenen und Schnitte wie diese machen VIER LEBEN zu einem herausragenden Dokumentarfilmkunstwerk.

In einer anderen Szene sitzt der vierjährige Finnian (für manche sicher der putzige „Star“ des Films) mit Mutter und Schwester an einem Ententeich. Platsch, da greift er in die Entenscheiße. Während die Kamera völlig ruhig bleibt, eilt die alarmierte Mutter aus dem Bild und will ein Papiertuch holen, sagt zu ihrer großen Tochter noch: „halt ihm die Hand fest“.
Aber das Mädchen lässt den agilen Kleinen leider eine Sekunde lang los. Zeit genug für den pfiffigen Finnian, seine schmutzige Hand am Rock seiner Schwester abzuwischen – einfach herrlich.

Noch eine Lieblingsszene: Jörg (fast 40) redet wenig.
Im Schreib- und Lesekurs der Lebenshilfe will ihn die Lehrerin an die Tafel holen um etwas anzuschreiben.
Er sagt zwar nicht nein, steht aber auch nicht auf und seine Körpersprache spricht Bände: Das Gesicht zerfließt förmlich vor Unwillen.
Als sich die Lehrerin nun an den Banknachbarn wendet, ob er es denn nicht anschreiben wolle, erwidert dieser: Nein, DU willst das machen. Jedem, der sich noch an die eigene Schulzeit erinnert, macht solch eine Szene einfach riesen Spaß!

Ohne sie zu stellen, beantwortet so der Film sogar die Frage, ob man denn über Behinderte lachen dürfe.
Warum denn nicht?!

Über die Filmhomepage ist ab Ende März die DVD erhältlich und zwar in zwei Tarifen:
Neben einer Endverbraucher-Version für jedermann können nämlich Institutionen wie etwa Schulen zum etwas höheren Preis zusätzlich zur DVD die Lizenz erwerben, den Film vorführen zu dürfen.
Die DVD enthält einzeln anwählbare Kapitel sowie englische Untertitel.

Ich persönlich hoffe, dass viele Menschen sich diese hervorragende Doku ansehen und dass beispielsweise vielen Lehrern der Gedanke kommen möge, ihren Schülern VIER LEBEN vorzuführen!

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3 Antworten auf DVD Tipp: VIER LEBEN (Dokumentarfilm, D 2008, Regie: Cornelia Thau)

  1. anjo sagt:

    Sehr schön beschrieben, frater. Macht Lust auf die Doku. Klar, warum nicht auch über Behinderte lachen. Zum Menschsein gehört eben auch, über andere lachen, ob behindert oder nicht. Hatte gestern ein Konzert mit chor und orchester im Behindertenheim Antoniushaus. Und obwohl der Chor grottenschlecht gesungen hat, hat sich ein Zuhörer, im Rollstuhl sitzend mit cerebraler Erkrankung riesig gefreut und rief nach 2 Stunden und Abschlußapplaus einfach in die Menge: Und jetzt gehts gleich weiter!!! und: Kann ich mal was fragen? Wann kommt denn der Armin?! Ihm hats gefallen und mein Abend war dadurch nicht mehr sinnlos.

  2. frater aloisius sagt:

    echt, Anjo, grottenschlecht? Das kann ich ja kaum glauben 🙂

  3. anjo sagt:

    Doch der Chor hatte den altersdurchschnitt von 87 jahren. ich spielte im orchester, das war gut wie gewohnt ;)der chor hatte wirklich mit singen nix am hut.

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